Oscar Wilde war einer der letzten Dandies.
Der Dandy ist ein bis heute vieluntersuchter und verschiedentlich interpretierter Sozialtypus des 19. Jahrhunderts. Balzac schreibt in seinem "Traktat über das elegante Leben", es gäbe drei Arten von Menschen: der Mensch, der arbeitet, der Mensch, der denkt, der Mensch, der nichts tut.2 Zur letzteren Sorte gehört der Dandy, der in einer Zeit des Umbruchs zuerst in England bezeugt ist, später in Frankreich und Deutschland. Das Dandytum war ein Ausdruck des Protestes einer überkommenen adligen Schicht, die mehr und mehr ihre tragende gesellschaftliche Rolle an das Bürgertum und an die industrielle Massengesellschaft verlor. Äußerlich zeigte sich dies in einer distinguierten Kleidung und in betont vornehmen Umgangsformen, zum Teil auch in Marotten: so ist von Dandys bezeugt, daß sie Schildkröten an der Leine spazieren führten, um so dem Bürgertum ihr Übermaß an Zeit höhnisch zu demonstrieren.
Doch neben diesen anekdotischen Einzelheiten beschäftigten sich einige große Geister des 19. Jahrhunderts, etwa Barbey d′Aurevilly oder Charles Baudelaire, theoretisch mit dem Phänomen des Dandys, der im Innersten von narzißtischer und frauenfeindlicher Kälte geprägt war. Den Gipfel an Provokation erlaubte sich als einer der letzten Dandys der irische Dichter Oscar Wilde, von dem die bewußt absurde Sentenz überliefert ist:
"Ich bin enttäuscht über den Atlantischen Ozean."
Irgendwelche "tieferen Einsichten" von Oscar Wilde, die dieser Sentenz zugrunde liegen könnten, sind nicht erkennbar. Es handelt sich um eine bewusst absurde Äusserung, die nur bezweckte, der höchsten Vollendung des Dandytums, wie Wilde sie verkörperte, Ausdruck zu verleihen.