Der Roman ist − gegenüber der pointierteren Novelle und der Kurzgeschichte − die Langform der schriftlich fixierten Erzählung. Fiktionalität wird oft als (ungenügendes) Definitionskriterium genannt. Romane setzten sich wiederholt dezidiert mit wahren Ereignissen auseinander, mit Irreführungen durchsetzte Geschichtswerke werden dagegen nicht als Romane wahrgenommen. Traditionell griff präziser die Beteuerung, dass der jeweilige Roman, selbst wenn alles in ihm erfunden sein sollte, wichtige Erfahrungen und Lesegenuss vermittele. Eine Differenzierung gegenüber dem Epos in Versen bestand nicht immer. Das Wort Roman verweist in der europäischen Diskussion seit dem 13. Jahrhundert auf einen Ursprung im Versepos romanischer Sprache – die provenzalische Artusepik setzte hier den Traditionsrahmen, bevor griechische Romane der Spätantike wiederentdeckt wurden.
Prosa setzte sich als die eigentliche Sprache des Romans im Lauf des 15. Jahrhunderts durch. Sie machte den Roman zum interessantesten Gegenstand der stillen und intimen Lektüre. Gegenüber dem Versepos bedurfte der in Prosa verfasste Roman der schriftlichen Fixierung, weshalb die Gattung zwar im Rückblick über verschiedene Ursprünge im mediterranen wie im ostasiatischen Kulturraum verfügt, weshalb eine Entwicklung mit kontinuierlich diskutierten Traditionslinien jedoch relativ schlagartig erst mit der (gegenüber dem Pergament) billigeren Papierproduktion und dann – in einem zweiten Entwicklungsschub – mit dem Buchdruck in Europa einsetzte.
Beruhte die erste Legitimationskrise des Romans auf seiner – gegenüber der Novelle – abenteuerlichen, im Heldentum erstarrten Fiktionalität, so resultierte die zweite aus dem skandalösen Umgang mit Realität, der im 17. Jahrhundert gerade die Reform bedeutete: Unter dem Deckmantel der möglichen Fiktion kamen Ausgriffe auf private und öffentliche Historie, fingierte Autobiografien, Biografien, Reiseberichte und, mit dem Briefroman, fiktionale Briefsammlungen in Mode. Eine Gegenbewegung hin zu einem „hohen“, kunstvoll erfundenen Roman setzte Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Neubestimmung der Literatur als Bereich poetischer und fiktionaler Schriften ein, die an dieser Stelle ein neues großes öffentliches Debattenfeld schuf. Ein zu Textinterpretationen und Analysen seiner Kunst herausfordernder Roman setzte sich in dieser Entwicklung vom „niederen“ trivialen Roman des Massenmarkts ab. Die Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte ist heute ein eigenes und zusätzliches Gattungsmerkmal des hohen, literarischen Romans.
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Anders als Dramen werden Romane erst einmal individuell und privat gelesen. Gleichzeitig sind sie im Moment der Veröffentlichung öffentliche Diskussionsgegenstände von gesellschaftsweiter Bedeutung – es kann der Gesellschaft nicht gleichgültig sein, was hier im Stillen gelesen wird. Anders als Dramen erlauben Romane in diesem Spannungsfeld dem Autor eine sehr intime Kommunikation mit dem Publikum. Autobiografische Genres boten und bieten sich hier an. Die Welt und der persönliche Blickwinkel auf sie stehen im Zentrum des Romans, wo das Drama Aufführungsbedingungen und bei weitem komplexeren Interaktionen des Theaterbetriebs unterliegt.
Die Genres der Gattung Roman zeigen die ungeheure Vielfalt der Themen, die in ihm behandelt/bearbeitet werden können.
Ergänzung vom 22.01.2008 12:42:
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