Hallo ruthsusanne!
Ich denke, man äußert dies in der Regel unbewusst - genauso macht man es auch mit anderen Floskeln wie z. B. das gerade von mir benutzte "Ich denke,...".
Man schränkt dadurch seine eigene Aussage ein. Dies kann man zwar als Unsicherheit auslegen, wenn z. B. jemand andauernd den Konjunktiv benutzt. Doch die Frage ist, ob die Verwendung des "Ich würde sagen,..." nicht noch eine andere Funktion hat.
Ein "Ich würde sagen,..." ist auch ein Signal des Sprechers an sein Gegenüber, dass er nach seiner Ansicht das oder das vorschlagen würde (Konjunktiv), seinem Gegenüber aber durchaus die eigene Meinung lassen will. Das Gespräch verläuft auf diese Weise harmonischer, denn beide Gesprächspartner lassen dem anderen immer noch die Möglichkeit, anders zu entscheiden.
In der Regel wird man ja auch nicht zwischen "Ich würde sagen,..." und "Ich sage,..." unterscheiden, sondern es würde doch eher so ablaufen, wenn beispielsweise Freundin Annette Freundin Barbara um Rat in einer Beziehungssache fragt:
Annette: "Was soll ich denn jetzt wegen Klaus machen?"
Barbara: "Ich würde sagen, dass du ihn heute lieber nicht mehr anrufen solltest."
Barbara gibt Annette also "durch die Blume" die Möglichkeit, sich trotzdem noch gegen ihren Tipp zu entscheiden. Auf diese Weise verläuft das Gespräch für beide zufriedenstellend. Keine der beiden braucht ihr Gesicht zu verlieren.
Hartmut schreibt allerdings oben, dass er Leute mit fester Meinung vorzieht.
Also geselle ich in meinem Beispiel mal einen männlichen Ratgeber hinzu, gleiche Situation:
Annette: "Was soll ich denn jetzt wegen Klaus machen?"
Carl: "Ruf ihn heute nicht mehr an!"
Carl sagt klar, was seine Meinung ist. Die Gefahr, dass er Annette damit vor den Kopf stößt, ist viel größer als in dem Beispiel mit Barbara. Denn es ist zu erwarten, dass Annette Klaus wohl doch ganz gerne anrufen würde. Entscheidet sich Annette entgegen Carls Meinung dafür, handelt sie unmissverständlich gegen seinen Rat, während in dem Beispiel oben noch etwas mehr Spielraum war. Und Carl wird am nächsten Tag sagen: "Siehst du, hab ich dir nicht gesagt, dass du das lassen sollst?" Dann geht Annette lieber zu Barbara. ;-)
Oder mal ein anderes Beispiel:
Angenommen, ein guter Bekannter von dir hätte ein absolut unmögliches Hemd an - dann klingt "Ich würde sagen, dass du schon mal besser ausgesehen hast." anders als ein "Du hast schon mal besser ausgesehen!"
Der Ton macht die Musik und nach meiner Ansicht trägt das mehr oder weniger bewusst dahingesagte "Ich würde sagen,...." viel zu einer gelingenden Kommunikation bei. Wer ständig mit dem verbalen "Dampfhammer" kommt, darf sich nicht wundern, wenn die Kommunikationsversuche scheitern und die Gesprächspartner beleidigt von dannen ziehen. ;-)
Ein "Ich würde sagen,..." tut keinem weh und zumindest in freundschaftlichen Beziehungen ist das der bessere Weg. Im Geschäftsleben wird es wohl eher hinderlich sein, da man hier in der Regel bestimmte Positionen durchsetzen will und muss.
Viele Grüße
Labradorine